14.06.2026
Entzündungshemmer beim Pferd: Was sie leisten, wo ihre Grenzen liegen und was wirklich langfristig hilft
Wenn dein Pferd Schmerzen hat, möchtest du so schnell wie möglich helfen. Entzündungshemmer gehören in solchen Momenten oft zu den ersten Mitteln, nach denen Pferdebesitzer greifen oder die der Tierarzt verschreibt. Sie lindern Schmerzen, reduzieren Schwellungen und machen das Pferd kurzfristig beweglicher. Das ist in vielen Situationen richtig und wichtig. Aber Entzündungshemmer beim Pferd sind eben genau das: ein Mittel zur Linderung. Sie behandeln das Symptom, nicht die Ursache. Wer langfristig etwas für die Gesundheit seines Pferdes tun möchte, muss verstehen, was hinter einer Entzündung steckt, wann Medikamente sinnvoll sind und welche Behandlungsansätze den Körper des Pferdes nachhaltig unterstützen.
Von: Maud Raspe
Was ist eine Entzündung beim Pferd und warum entsteht sie?
Eine Entzündung ist keine Erkrankung für sich, sondern eine Reaktion des Körpers. Wenn Gewebe verletzt wird, ob durch eine Überlastung, eine Verletzung, eine Fehlbelastung oder eine Erkrankung, aktiviert das Immunsystem eine Entzündungsreaktion, um das beschädigte Gewebe zu schützen, Schadstoffe zu bekämpfen und den Heilungsprozess einzuleiten. Diese Reaktion ist im Grunde eine sinnvolle und notwendige Schutzfunktion des Körpers.
Das Problem entsteht dann, wenn Entzündungen chronisch werden. Wenn die Ursache nicht beseitigt wird und der Körper dauerhaft in einem entzündlichen Zustand bleibt, richtet das über Zeit erheblichen Schaden an: Gelenke werden abgebaut, Sehnen verlieren ihre Elastizität, Muskeln verspannen sich dauerhaft und das Pferd entwickelt Kompensationsmuster, die neue Probleme an anderen Körperstellen erzeugen. Genau deshalb ist es so wichtig, bei Entzündungen nicht nur nach einer schnellen Linderung zu suchen, sondern die eigentliche Ursache zu verstehen und zu behandeln.
Entzündungen beim Pferd können an vielen verschiedenen Stellen entstehen. Gelenkentzündungen, Sehnenscheidenentzündungen, Rückenmuskelentzündungen durch chronische Verspannungen, Entzündungen an den Dornfortsätzen der Wirbelsäule wie bei Kissing Spines oder Entzündungen durch schlecht passende Ausrüstung sind einige der häufigsten Formen. Die Ursachen reichen von Überlastung und falschem Training über unpassendes Sattelzeug und schlechtem Beschlag bis hin zu genetischen Faktoren und altersbedingten Veränderungen.
Medikamentöse Entzündungshemmer beim Pferd: Was sie können und was nicht
Die am häufigsten eingesetzten medikamentösen Entzündungshemmer beim Pferd gehören zur Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika, kurz NSAR. Diese Wirkstoffe hemmen gezielt Enzyme, die im Körper für die Produktion von Entzündungsbotenstoffen verantwortlich sind. Das Ergebnis ist eine rasche Linderung von Schmerzen und eine Reduktion von Schwellungen, was dem Pferd kurzfristig erhebliche Erleichterung verschafft.
Der Einsatz von NSAR ist in akuten Situationen oft unverzichtbar und gehört in die Hände des Tierarztes. Nur ein Tierarzt kann die richtige Diagnose stellen, den passenden Wirkstoff auswählen, die korrekte Dosierung festlegen und den Verlauf überwachen. Selbst gut gemeinte eigene Dosierungsversuche können gefährlich sein, weil zu hoch dosierte Entzündungshemmer den Magen-Darm-Trakt und die Nieren des Pferdes erheblich belasten können. Bei längerem Einsatz steigt dieses Risiko deutlich.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Entzündungshemmer lindern den Schmerz so wirksam, dass das Pferd sich besser anfühlt und aktiver bewegt, auch wenn die eigentliche Ursache noch nicht behoben ist. Das kann in manchen Fällen dazu führen, dass das Pferd sich stärker belastet, als es seinem Heilungsprozess guttut. Medikamente und Bewegungsmanagement müssen deshalb immer aufeinander abgestimmt sein.
Ein oft unterschätzter Punkt ist außerdem, dass Entzündungshemmer bei akuten Entzündungen helfen, aber bei der Behandlung der Ursache keine Rolle spielen. Ein Pferd, das wegen eines schlecht passenden Sattels chronische Rückenentzündungen entwickelt, wird durch Medikamente keine dauerhafte Lösung finden. Das Symptom wird behandelt, der Sattel bleibt falsch, die Entzündung kommt zurück. Hier liegt die entscheidende Grenze jeder medikamentösen Behandlung.
Natürliche Entzündungshemmer als ergänzende Unterstützung
Neben medikamentösen Mitteln gibt es eine Reihe pflanzlicher und natürlicher Substanzen, die entzündungshemmende Eigenschaften besitzen und als unterstützende Maßnahme bei leichten oder chronischen Beschwerden eingesetzt werden können. Sie ersetzen keine tierärztliche Behandlung bei akuten oder schweren Entzündungen, können aber als ergänzende Maßnahme sinnvoll sein.
Teufelskralle ist eine der am besten erforschten pflanzlichen Substanzen mit nachgewiesenen entzündungshemmenden und schmerzlindernden Eigenschaften. Der enthaltene Wirkstoff Harpagosid blockiert Entzündungsbotenstoffe und wird besonders bei Gelenkproblemen und chronischen Beschwerden des Bewegungsapparats eingesetzt. Wichtig zu wissen ist, dass Teufelskralle für Pferde in bestimmten Disziplinen unter Wettkampfbedingungen als verbotene Substanz gilt. Wer turniersportlich aktiv ist, sollte das vor dem Einsatz klären.
Kurkuma beziehungsweise der enthaltene Wirkstoff Curcumin gilt als einer der stärksten natürlichen Entzündungshemmer überhaupt und wird zunehmend auch in der Pferdefütterung eingesetzt. Die Bioverfügbarkeit von Curcumin ist jedoch von Natur aus gering und lässt sich durch die Kombination mit schwarzem Pfeffer und einem fetthaltigen Träger deutlich verbessern. Omega-3-Fettsäuren aus Leinöl oder Fischöl können ebenfalls dazu beitragen, das entzündliche Geschehen im Körper zu dämpfen und die Gelenkgesundheit langfristig zu unterstützen.
Alle natürlichen Mittel haben gemeinsam, dass sie Zeit brauchen, um zu wirken, und dass sie keine akuten starken Schmerzen kurzfristig lindern können. Sie sind eher als begleitende Maßnahme im Rahmen eines ganzheitlichen Behandlungsplans zu verstehen, nicht als Ersatz für eine fundierte Diagnose und Therapie.
Warum Entzündungshemmer allein keine nachhaltige Lösung sind
Stell dir vor, eine Warnleuchte im Auto leuchtet auf. Du könntest die Leuchte abkleben, damit du sie nicht mehr siehst. Das Auto fährt weiter, das Problem bleibt aber bestehen und wird mit der Zeit größer. Entzündungshemmer beim Pferd funktionieren im Prinzip ähnlich: Sie schalten das Warnsignal des Körpers vorübergehend ab, ohne das eigentliche Problem zu lösen.
Das bedeutet nicht, dass Entzündungshemmer falsch oder überflüssig sind. In der akuten Phase, wenn ein Pferd starke Schmerzen hat und die Entzündung zuerst kontrolliert werden muss, bevor mit der eigentlichen Therapie begonnen werden kann, sind sie ein wichtiger und richtiger Schritt. Aber sie sind Mittel zum Zweck, kein Endpunkt der Behandlung. Was nach der akuten Phase folgt, entscheidet darüber, ob das Pferd langfristig gesund bleibt oder immer wieder in denselben Kreislauf aus Entzündung und medikamentöser Linderung gerät.
Was langfristig gegen Entzündungen beim Pferd hilft
Nachhaltige Entzündungsfreiheit entsteht, wenn die Ursache der Entzündung beseitigt wird und der Körper des Pferdes wieder in der Lage ist, korrekt zu funktionieren. Dabei spielen mehrere Faktoren eine entscheidende Rolle.
Physiotherapie und Osteopathie setzen genau dort an, wo Entzündungshemmer aufhören zu wirken. Eine osteopathische Behandlung findet Blockaden, Verspannungen und Fehlbelastungen, die Entzündungen begünstigen, und löst sie gezielt. Eine gut entwickelte, elastische Muskulatur schützt Gelenke, Sehnen und die Wirbelsäule vor Überlastung und ist damit die beste natürliche Prävention gegen wiederkehrende Entzündungen. Durch physiotherapeutische Begleitung wird diese Muskulatur gezielt aufgebaut und die Bewegungsqualität des Pferdes verbessert.
Ein wichtiger Hinweis, der leider oft übersehen wird: Bei akuten Entzündungen mit sichtbaren Schwellungen oder deutlich erhöhter Wärme an der betroffenen Stelle sollte keine Physiotherapie oder Osteopathie durchgeführt werden. Zuerst muss die akute Entzündung abgeklungen sein, bevor manuelle Therapien sinnvoll und sicher angewendet werden können. Der richtige Zeitpunkt für den Einstieg in die physiotherapeutische Behandlung ist Teil des Gesamtplans, der in Absprache zwischen Tierarzt und Therapeutin festgelegt wird.
Zusätzlich zu den therapeutischen Maßnahmen ist eine kritische Überprüfung des gesamten Umfelds des Pferdes unverzichtbar. Passt der Sattel wirklich? Stimmt der Beschlag? Wird das Pferd altersgerecht und körpergerecht trainiert? Hat es ausreichend Freilauf und natürliche Bewegung? Diese Faktoren haben auf die langfristige Entzündungsfreiheit des Pferdes oft mehr Einfluss als jedes Medikament oder Nahrungsergänzungsmittel.
Als mobile Pferdeosteopathin und Pferdephysiotherapeutin im Raum Günzburg und Ulm arbeite ich eng mit Tierärzten zusammen und begleite Pferde durch genau diesen Prozess: von der akuten Phase über die Rehabilitation bis hin zu einem stabilen, gesunden Bewegungsalltag. Wenn du das Gefühl hast, dass dein Pferd immer wieder in denselben Entzündungskreislauf gerät und du wissen möchtest, was dahinter steckt, melde dich gerne bei mir.
Über den Autor:
Maud Raspé
Ich bin Maud -ausgesprochen als Mood- und arbeite seit vielen Jahren mit Pferden. In meiner mobilen physiotherapeutischen Praxis geht es mir nicht nur darum, Blockaden zu lösen, sondern die Ursachen von Beschwerden ganzheitlich zu verstehen. Jedes Pferd wird individuell betrachtet und behandelt – mit Physiotherapie und Osteopathie sowie ergänzenden Methoden wie Dry Needling, Stresspunkt-Massage und BEMER-Anwendungen zur Unterstützung von Regeneration und Durchblutung.